
Hans-Joachim Stuck: „Der Alpine Skirennsport bräuchte einen Bernie Ecclestone!“
December 29, 2009
Going am Wilden Kaiser. Anlässlich des Auftakts zur 3. Runde des „KAMEI-SnowShuttle“-Service diskutierten Volkswagen Motorsport-Botschafter Hans Joachim Stuck und Sohn Ferdinand mit Ski-Ass Stephan Görgl, Extremsportler Axel Naglich, Porsche Supercup Pilot Norbert Siedler über das Thema „Sicherheit und kalkulierbares Risiko im Sport“:
KAMEI: Herr Stuck, Sie fuhren noch in einer Formel 1, in der der Tod ein ständiger Begleiter war. Kann man das Thema ‚Sicherheit’ in Ihrem Sport inzwischen als ‚erledigt’ abhaken?
Hans-Joachim Stuck: „Wir mussten damals durchschnittlich einmal pro Jahr zu einer Beerdigung und mit Sicherheit einen hohen Tribut zollen, bis sich da nach und nach etwas geändert hat. Insofern hat sich der Motorsport absolut positiv entwickelt, sodass sich die junge Fahrergeneration nicht mehr allzu viel Gedanken machen muss. Wenn ich heute zu einem Rennen an den Nürburgring fahre, bin ich im Straßenverkehr jedenfalls weitaus öfter in Gefahr, als auf der Rennstrecke. Man darf nie zu einhundert Prozent mit dem Status quo zufrieden sein, aber eines ist unbestritten: In der Formel beschäftigen sich ganze Heerscharen von Spezialisten mit den verschiedensten Sicherheitsbereichen, sei es im Bereich der Fahrzeuge, der Rennstrecken, oder der Fahrer selbst.“
KAMEI: Ist der Draufgänger, der „Wilde Hund“, wie er früher oft bezeichnet wurde, im modernen Automobilsport ausgestorben?
Norbert Siedler: „Manchmal muss man ihn schon noch auspacken, sowie bei kritischen Überholmanövern oder auch im Regen. Unterm Strich kann ich aber dem ‚Strietzel’ nur beipflichten. Wenn man im Straßenverkehr unterwegs ist und nicht abschätzen kann, wie die anderen Verkehrsteilnehmer reagieren, fühlt man sich dabei weitaus unsicherer.“
Ferdinand Stuck: „Ich muss zugeben, dass ich im Rennwagen über das Risiko überhaupt nicht nachdenke. Wir haben inzwischen das HANS-System und so viele wertvolle Sicherheitssysteme im Rennauto. Außerdem muss man auch sagen, dass die heutigen Rennfahrer, körperlich sicher besser auf die Belastungen vorbereitet sind, als das früher der Fall war.“
KAMEI: Im Alpinen Skirennsport ist das Thema Sicherheit aufgrund der jüngsten Unfallserie in aller Munde. Wie stellt sich die momentane Situation aus der Sicht des Rennläufers dar?
Stephan Görgl: „Ich muss wirklich die Ohren spitzen, wenn ich höre, wie professionell im Motorsport in Sicherheitsfragen agiert wird. Es sind dort ganz einfach gute Leute am Ruder, die sich mit dem Thema auseinandersetzen, was im Alpinen Skirennsport leider noch immer nicht der Fall ist. Es ist höchste Zeit, dass ein Umdenkprozess stattfindet, denn der Spagat, den wir momentan hinlegen müssen, wird immer gefährlicher: Wir wollen einerseits immer besser und schneller sein, aber auf der anderen Seite hinkt der Sicherheitsaspekt diesem Anspruch bei weitem hinterher. Es gibt Funktionäre, die verschiedene Jobs in einer Art Personalunion erledigen, und genau diese Leute sind überfordert. Wir betreiben natürlich eine Risikosportart, aber dieses Restrisiko, diese Grauzone, ist im Moment
entschieden zu hoch.“
KAMEI: Kann man bei einer solchen Vielzahl an schweren Unfällen überhaupt noch von einem ‚Restrisiko’ reden?
Stephan Görgl: „Die vielen Verletzungen regen natürlich zum Nachdenken an, wobei die Gründe ziemlich offensichtlich sind. Es liegt in einer gewissen Weise an den schwierigen Bedingungen und auf der anderen Seite am mangelnden Mitspracherecht der Rennläufer. Einmal abgesehen von einem
zaghaften Gründungsversuch einer solche Fahrergemeinschaft, ist aus dieser Ecke, außer ein paar Emails, leider noch nicht viel angekommen.“
Hans-Joachim Stuck: „Trotzdem ist das schon einmal der richtige Anfang, was mich auch an meine Zeit zurück erinnert, als wir unter der Federführung eines Niki Lauda die Fahrergewerkschaft GPDA gründeten. Damals haben wir Fahrer einen massiven Druck ausgeübt, sodass am Ende sehr viele
wichtige Maßnahmen umgesetzt worden sind. Da hat es sogar Streiks gegeben. Man muss solche Entwicklungen immer auf Dauer betrachten, sie sind auch in der Formel 1 nicht von heute auf morgen entstanden.“
Stephan Görgl: „Ich glaube es wäre der richtige Moment, auch bei uns eine professionelle Institution ins Leben zu rufen, die sich mit Sicherheitsfragen beschäftigt, und zwar ganz genauso wie es im Motorsport schon seit vielen Jahren selbstverständlich ist. Übrigens könnte man sich auch im Bereich der Fernsehvermarktung etwas von der Formel 1 abschauen, denn für die Fans zu Hause braucht es natürlich spektakuläre Bilder. Wenn wir aber auf der anderen Seite den Speed um ein paar Stundenkilometer reduzieren könnten, würde das niemand bemerken und der Sicherheitsunterschied wäre doch gravierend. Der Zielsprung in Kitzbühel ist ein gutes Beispiel: Mit 125 km/h ist er absolut OK, dann fährst du 10 Sachen schneller und er wird zur Todesfalle.“
KAMEI: Wie könnte man die Höchstgeschwindigkeiten auf ein vernünftiges Maß reduzieren?
Axel Naglich: „Ich war schon einige Male als Vorläufer auf der Streif und kann nur sagen, dass man auf der Strecke selbst schon einiges getan hat. Wenn wir nun den Speed ein wenig herausnehmen möchten, dann könnte man das über die Rennanzüge erledigen, die momentan hauchdünn und
luftundurchlässig sind. Ein dickeres Material, das sich aerodynamisch anders verhält, würde da mit Sicherheit den richtigen Effekt erzielen und wäre noch dazu ein besserer Protektor. Außerdem verstehen viele Außenstehende sowieso nicht, warum die dort halbnackt herunterfahren müssen.“
KAMEI: Wie viel ‚kalkulierbares Risiko’ war eigentlich bei Ihrer spektakulären Skiabfahrt vom Mount St. Elias (www.mountstelias.com) im Spiel und was war ‚Restrisiko’?
Axel Naglich: „Es gehört zu meinen Lieblingsaufgaben, mich akribisch über Monate und Jahre auf ein Projekt vorzubereiten. Man darf also nicht denken, dass wir hier einfach rücksichtslos drauflos fahren. Wir haben alles genau durchgeplant und am Material herumgetüftelt, damit wir die bestmöglichen Erfolgsaussichten haben. Selbstverständlich gibt es dann aber trotz allem ein paar unberechenbare Situationen, in denen man einfach schnell die richtige Entscheidung treffen muss.“
KAMEI: Herr Stuck, welches Resümee ziehen Sie aus dem heutigen Kamingespräch?
Hans-Joachim Stuck: „Ich fand die heutige Diskussion höchst interessant, weil es zwischen dem Motorsport und dem Skirennsport tatsächlich viele Parallelen gibt. Wir sind im Prinzip dieselben Verrückten, die ihren Sport trotz aller Risiken lieben, nur hatten wir Rennfahrer halt einfach das Glück, dass es damals einen Visionär und Macher gab, wodurch sich verschiedene Dinge, einschließlich der Sicherheit, auf einem professionellen Niveau entwickeln konnten. Vielleicht braucht es also auch im Skirennsport einmal einen Bernie Ecclestone.“
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